Eine Welt der Arbeit ohne feste Arbeitsplätze: Was sind Butterfly-Karrieren?
Der moderne Arbeitsplatz befindet sich in einem ständigen Wandel. Entdecken Sie die neuesten Erkenntnisse von Dr. John Boudreau und Greg Pryor. Sie erklären, wie eine Welt ohne feste Arbeitsplätze funktionieren könnte und den Nutzen von Butterfly-Karrieren.
Ist eine Arbeitswelt ohne feste Arbeitsplätze vorstellbar? Vor fünf Jahren schien die Idee weit verbreiteter Remote-Arbeitsmodelle noch undenkbar. Hybride Rollen etablieren sich jedoch rasant als Standard in der Branche. „Wie kann sich jemand ein Bild davon machen, was als Nächstes geschieht?“, fragt Dr. John Boudreau, Senior Research Scientist und emeritierter Professor an der University of Southern California.
Tatsächlich ist es enorm schwierig, solche Vorhersagen zu treffen. Aufgrund unzähliger Variablen steckt die globale Arbeitswelt voller Unsicherheit, und selbst die sorgfältigste Planung kann ihre inhärente Unvorhersehbarkeit nicht ändern.
Wie Greg Pryor, Mitgründer von Connected Commons, es auf den Punkt bringt: „Ich bin noch niemandem begegnet – und ich verbringe viel Zeit mit Experten auf diesem Gebiet –, der sagt: ‚So wird die Arbeitswelt der Zukunft aussehen. Hier sind die neuen Richtlinien. Hier sind die neuen Praktiken. Legen wir los.‘“ Alle Wetten sind offen – obwohl Pryor scherzhaft anmerkt, dass wenn überhaupt, Boudreau die besten Karten hat.
Doch wenn wir zukünftige Unternehmensrichtlinien und -praktiken nicht vorhersehen können – wie sollen Unternehmen dann mit zukünftigen Herausforderungen umgehen? Im Rahmen ihres Gesprächs auf der HR Technology Conference and Exposition entwerfen Boudreau und Pryor eine neue Arbeitswelt: Eine Zukunft, in der Arbeit in ihre wesentlichen Elemente zerlegt und flexibler neu gestaltet werden kann.
Wir haben die wichtigsten Highlights zusammengefasst: von den Ursprüngen ihrer Prognosen über die durch die Pandemie ausgelöste Demokratisierung des Arbeitsplatzes bis hin zur Erklärung, wie durch „Butterfly-Karrieren“ eine Arbeitswelt ohne feste Stellen entstehen könnte.
Das Unvorhersehbare vorhersagen
Als Boudreau und Pryor sich 2013 bei einem Projekt namens „Create“ trafen, hatten beide die Zukunft der Arbeit klar vor Augen. Was war der Anlass ihres Treffens? Ein Treffen von 30 Vordenkern aus dem Humankapitalmanagement zur Frage: Wie wird die Welt des Personalwesens in 10 Jahren aussehen?
Die Antwort war schon damals schwer fassbar, sagt Pryor. „Wir haben diesen Wendepunkt wirklich erwartet – sowohl in der Arbeitswelt als auch im Bereich Humankapitalmanagement. Einschneidende Veränderungen hatten wir erwartet – aber nicht diese kleine Sache namens „Pandemie“. Wir hätten nie gedacht, dass viele von uns, die zu Hause arbeiten können, eines Tages nach Hause geschickt würden – und dass sich die Arbeitswelt dadurch über Nacht komplett verändern würde.“
„Ein Faktor für die ‚Great Resignation' war, dass die Menschen sagten: ‚Ich glaube nicht, dass mein Unternehmen mir einen Arbeitsplatz bietet, an dem ich meine Kenntnisse und Kompetenzen weiterentwickeln kann.‘“
– Greg Pryor, Mitgründer, Connected Commons
Nun, fast 10 Jahre später, ist es nur noch schwieriger geworden, diese Frage zu beantworten. Boudreau zieht eine Parallele zwischen Arbeit und Software und skizziert den modernen Arbeitsplatz als einen Ort im ständigen Wandel – ein Kreislauf aus Obsoleszenz und ständigen Neuerungen, mal mehr, mal weniger umfassend.
Noch schwieriger ist es laut Boudreau, auf die Bedenken der Mitarbeiter bezüglich dieser inhärenten Unvorhersehbarkeit einzugehen. „Den Menschen ständig zu sagen: ‚Morgen wird sich Ihre Position teilweise verändern‘, und Führungskräften ständig mitzuteilen: ‚Morgen teilen Sie vielleicht Mitarbeiter mit anderen Führungskräften.‘ Das sind schwierige Situationen.“
Die vorgeschlagene Antwort ist jedoch einfach: Klarheit und Vertrauen. Mit Blick auf die mögliche Auflösung fester Stellen betont Boudreau: Es ist entscheidend, dass Mitarbeiter wissen, an wen sie sich mit ihren Fragen wenden können und wo wichtige Geschäftsentscheidungen getroffen werden.
Die Demokratisierung des globalen Arbeitsplatzes
Auch wenn Branchenanalysten die Pandemie und ihre Auswirkungen auf den globalen Arbeitsmarkt nicht vorhersehen konnten, zeigt sich rückblickend, wie tiefgreifend und vielschichtig die Folgen tatsächlich waren. Ob es nun der erwähnte Trend zu hybriden Arbeitsmodellen oder die „Great Resignation“ ist – die Wellen spüren wir nach wie vor. Boudreau erklärt: „Der Geist ist aus der Flasche.“
Doch welche Richtung schlägt die Arbeitswelt jetzt ein? Eine Option ist die verstärkte Demokratisierung. Viele Arbeitgeber achten heute verstärkt auf Mitarbeitererwartungen – vor dem Hintergrund der Rekord-Fluktuation im Jahr 2021 und der durch Social Media gestärkten Verhandlungsposition der Mitarbeitenden. Sie haben dadurch häufig mehr Mitsprache bei Entscheidungen und einen besseren Einblick in Führungsstrategien.
Eine Butterfly-Karriere ermöglicht Mitarbeitern, in kurzen Arbeitseinsätzen neue Kompetenzen zu entwickeln, ohne ihre Rolle zu wechseln.
Während es den Anschein haben mag, dass sich die Pandemie hauptsächlich auf Remote- und Hybrid-Mitarbeitende ausgewirkt hat, ist diese Demokratisierung auch bei der Arbeit vor Ort deutlich spürbar geworden. Da technologische Prozesse und Automatisierung immer rasanter voranschreiten, verändert sich auch die Arbeitswelt – wie wir unsere Arbeit gestalten, zeitlich planen und uns beruflich entwickeln. Eine Diskussion über flexible Arbeit muss berücksichtigen, dass diese Veränderungen weit über die Work-Life-Balance hinausgehen – sie sind viel umfassender.
Was die Richtung dieser Entwicklung betrifft, hat Boudreau eine Vorstellung: „Eine Welt, in der Arbeit von überall kommen und überall stattfinden kann, in der Mitarbeitende kommen und gehen. Idealerweise haben wir eine Technologie, die all das umfasst und Mitarbeitenden, Führungskräften und anderen zeigt, wie man diese Arbeit effektiv managen kann.“ Diese Flexibilität ist ein wesentlicher Baustein der Butterfly-Karriere.
Butterfly-Karrieren: Die Zukunft der Arbeit?
Einer der Faktoren für die massive Talentabwanderung nach den ersten Pandemiewellen war die Kompetenzentwicklung. Pryor: „Ein Teilfaktor für die ‚Great Resignation' war, dass Menschen sagten: ‚Ich glaube nicht, dass mein Unternehmen mir einen Arbeitsplatz bietet, an dem ich meine Kenntnisse und Kompetenzen für meine Karriere weiterentwickeln kann‘, und sie haben das Unternehmen verlassen.“
Wie gestaltet sich also die Kompetenzentwicklung an einem zunehmend demokratisierten Arbeitsplatz? Und was verstehen wir unter Butterfly-Karrieren?
„Fast alle Arbeitssysteme basieren auf der Annahme, dass feste Stellen die Analyseeinheit sind.“
– Dr. John Boudreau, Senior Research Scientist und emeritierter Professor an der University of Southern California.
Eine Butterfly-Karriere ist die direkte Antwort auf die Unsicherheiten der modernen Arbeitswelt. Anders als ein fester Arbeitsplatz ist eine Butterfly-Karriere anpassungsfähiger und ermöglicht Mitarbeitern, Arbeitssprints zu übernehmen und neue Kompetenzen zu entwickeln, ohne starr von einer Rolle zur anderen zu wechseln. Wie Pryor erklärt, sind Mitarbeiter nicht nur zufriedener, sondern erweitern auch ihre Optionen, um sich gegen Risiken in Zeiten schnellen Wandels zu wappnen, indem sie „ein Portfolio an Kenntnissen, Verbindungen und Kompetenzen durch diese Karriereerfahrungen“ aufbauen.
In der Diskussion, wie ein solches Arbeitsmodell die Karriereentwicklung verändern würde, vergleichen Pryor und Boudreau dies mit einem anderen Medium: Videospielen. In Anlehnung an moderne Videospiele ohne festen Gewinnzustand schlägt Boudreau vor, dass Mitarbeiter flexibel zwischen Positionen wechseln, dabei neue Kompetenzen erwerben und so im Job „aufleveln“. Anstatt durch das Erklimmen der nächsten Karrierestufe zu „siegen“, sammeln Mitarbeiter wertvolle Mikro-Erfahrungen und halten sich so in unsicheren Zeiten alle Optionen offen.
Auf dem Weg zu einem neuen Arbeitssystem
Klar ist: Damit Butterfly-Karrieren erfolgreich sein können, müssten sich sowohl unsere Arbeitsweise als auch unser Verständnis von Arbeitsbeziehungen grundlegend wandeln. Deshalb fordert Boudreau ein „neues Arbeitssystem“.
Wie Boudreau erklärt, begrenzt die Verfügbarkeit neuer Stellen im herkömmlichen Arbeitssystem den Zugang zu neuen Erfahrungen. Mitarbeiter in festgelegten Rollen können nur die Kenntnisse einsetzen, die sie bereits mitbringen. „Fast alle Arbeitssysteme basieren auf der Annahme, dass Arbeitsplätze die Analyseeinheit sind, dass Stelleninhaber die Art und Weise sind, wie wir Mitarbeiter zählen, und Nachweise bestimmte Qualifikationen und sehr spezifische Abschlüsse sein müssen.“ Wie können Unternehmen Karrierepfade schaffen, die kleinere, greifbare Fortschritte ermöglichen – oder sogar völlig neue Richtungen einschlagen?
Anstatt Mitarbeitende nur nach ihrer beruflichen Rolle einzuordnen, sollten Unternehmen anfangen, sie vielmehr nach ihren tatsächlichen Fähigkeiten zu bewerten. Statt strikt definierter Rollen kann Arbeit in Projekte, Aufgaben oder Gigs unterteilt werden – so entsteht ein Netzwerk aus „frei schwebenden Teilen“. Mit der Einführung von Talent Marketplaces können Mitarbeitende ihre Kompetenzen und Interessen einfacher präsentieren und neue Möglichkeiten suchen. „Es könnte sich um einen Einsatz in einer speziellen Gruppe handeln. Es könnte ein Lernerlebnis sein. Es könnte eine Klasse sein,“ sagt Boudreau.
Durch ständige Umbrüche wird die Arbeitswelt immer unsicherer. Künftig werden nicht jene Unternehmen erfolgreich sein, die versuchen, Veränderungen vorherzusagen und ihre Strategie danach auszurichten. Stattdessen werden es die Unternehmen sein, die Anpassungsfähigkeit in ihr Arbeitssystem integrieren, ihren Mitarbeitern ermöglichen, organisch neue Erfahrungen zu sammeln und eine Kultur schaffen, in der Learning und Entwicklung im Mittelpunkt stehen.